

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Auf Safranskis “Schiller” stieß ich eher zufällig, als es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in ihrer “Schriftenreihe” als Band 467 für nur 5 Euro anbot. Leider ist es dort, wie ich sah, nicht mehr verfügbar (Derzeit? Vielleicht lohnt ja eine Nachfrage…) – aber auch 25 Euro im freien Handel sind, denke ich, ein vernünftiger Preis. Das Buch ist eine Biographie Schillers – und es ist noch mehr. Viel mehr. Interpretationen und Erklärungen zu seinen Werken – von Dramen bis zu theoretischen Schriften – sind, in chronlogischer Ordnung, wunderbar in den Text eingeflochten, die Wirkungsgeschichte der großen Bühnenstücke liest sich ebenso spannend, wie die persönliche Biographie des Autors. Dabei ermöglicht es der systematische Aufbau des Buches jedoch auch, gezielt nach einzelnen Werken oder Lebensstationen zu suchen. (Das gilt auch für diejenigen, die nicht genau wissen, wann in Schillers Leben was zu verorten ist – die Kapitelüberschriften sind detailliert genug!)
Was mir persönlich allerdings am meisten imponiert hat: Rüdiger Safranski versteht es, den philosophischen und weltanschaulichen Zeithintergrund verständlich und zugleich präzise zu erklären. Wer sich mit abstrakten Lexikonartikeln zu Fragen, wie “Was ist Idealismus?” oder “Was besagt Kants Erkenntnistheorie?”, bisher schwer getan hat, sollte es mit diesem Buch versuchen. Die Erläuterungen sind anspruchsvoll genug, um auch Seminar-Ansprüchen zu genügen (
das Buch wurde sogar von einem meiner Professoren gelobt). Natürlich können die Erklärungen, im Rahmen einer einbändigen Biographie, nicht so erschöpfend sein wie in einem entsprechenden Fachbuch – das brauchen sie aber auch nicht. Was für das Verständnis Schillers wesentlich ist, das ist enthalten. Und zwar ausführlich genug, um ein detailliertes Gesamtbild entstehen zu lassen. Zugleich aber macht es einfach Vergnügen, in diesem Buch zu lesen. Und das ist eine wahrlich seltene Kombination.
Insgesamt ist Safranskis “Schiller” also ein heißer Tipp: für jene, die sich für Schiller interessieren, für arme Seelen, die ein Referat über ihn halten müssen – oder auch für alle, die eine anspruchsvolle, wirklich gut recherchierte Biographie lesen wollen. Einzige Einschränkung: ein bisschen mehr Aufmerksamkeit beim Lesen, als ein Ritterroman oder Ägyptenschmöker, erfordert es schon – also nicht gerade nachts um 12 in der Badewanne damit anfangen
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