

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Diese Bücher (es ist eine mehrbändige – derzeit leider noch nicht abgeschlossene – Reihe) sind, ganz kurz gesagt, literaturwissenschaftliche Kommentare zur Bibel. Nun, Bibelkommentare per se gibt es eine Menge. Aber diese, soviel kann ich versprechen (und ich war in den Vorlesungen des Autors!): diese hier sind außergewöhnlich. Wie der Untertitel sagt: "Für die Gebildeten unter ihren Verächtern." Und ich denke, den Besten Eindruck davon bekommt man, wenn man einen kleinen Auszug liest. Hier ein Abschnitt aus dem Kapitel "Die Sintflut" (was das ist, wissen wir hoffentlich noch alle
). Zu finden in Band 1, Seite 83:
"Die Wortbedeutung hat nichts mit Sünde zu tun; die germanische Wurzel sin- bedeutet: immer, überall, Sintflut also: Große Flut.
Als aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.
Der ungläubige Heide wundert sich da: Gott, der allmächtige, allwissende, hätte er das nicht vorausschauen können, ahnen können, daß es mit diesen Kerlchen, so wie er sie nun mal gemacht hatte, gebrechlich, gierig, lebenslustig, schweinisch, böse, nicht besser gehen würde? Und, wieso ist der Allgewaltige bekümmert? Lebt er in Stimmungen wie die, die er geschaffen hat? Ein weißgott menschlicher Gott, ein anthropomorphisierter [wörtlich: menschenförmiger] Gott, ein Gott, der nach dem Menschen geschaffen ist. Nicht Gott hat uns nach seinem Bilde geschaffen, umgekehrt wird's richtiger: wir schaffen uns unsern Gott nach unserem Bilde. Theologie ist in Wahrheit Anthropologie."
Ich denke, dieser kleine Auszug zeigt ein wenig, was ungefähr man von diesen "Bibel-Büchern" zu erwarten hat. Anspruchsvoll, kenntnisreich und sehr detailliert, dabei aber mit immer einem kleinen Augenzwinkern und ohne eine Spur von Voreingenommenheit, folgt Prof. Leibfried dem Text der Bibel, der kommentiert, hinterfragt und passagenweise zitiert wird. Es fließen die Worte berühmter Dichter ebenso ein wie moderne, wissenschaftliche Kenntnisse aus Gebieten wie Ethnologie oder Archäologie.
In der Vorbemerkung heißt es: "Prinzip der Darstellung ist: nicht über die Bibel zu reden, sondern sie selber sprechen zu lassen." Und das genau geschieht. Die Kommentierungen sind -obwohl in keinster Weise populärwissenschaftlich! – nicht so staubtrocken und zäh wie in den gängigen Fachbüchern, sondern humorvoll und gut zu lesen. Und die Bibel selbst kommt zu Wort – so ausführlich, daß auch jene, die selten die Nase in das Original stecken, wissen, worum es in den jeweils nachfolgenden Abschnitten geht. Denn es geht auch und vor allem um eines: was steht denn da eigentlich drin, im Text der Bibel selbst ?
Um mit Prof. Leibfried zu sprechen: "So darf man auch sagen: erwarten Sie ein bewährtes Muster: so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Und lassen sie sich unterhalten; ihr Gewicht wird sich ändern. Sie werden zunehmen – an Bildung."
Na, ist jetzt doch jemand neugierig geworden? Ich garantiere: reinschnuppern lohnt sich – auch (und gerade) für Agnostiker, Atheisten und andere Bibelmuffel.
One Response to “Erwin Leibfried: Die Bibel – dargestellt für die Gebildeten unter ihren Verächtern”
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