

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Jun
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Genaugenommen handelt es sich hier um zwei aufeinanderfolgende Romane, die ich, der Einfachheit halber, unter dem Namen des Helden zusammengefasst habe:
- Der Assyrer (1987; The Assyrian)
- Tiglat, Sohn des Königs (1989; The Blood Star)
Schauplatz ist Assyrien im 7. Jahrhundert vor Christus. Tiglat, Sohn einer königlichen Nebenfrau, ist eigentlich für die Eunuchenlaufbahn bestimmt. Doch durch einen glücklichen Zufall entgeht er diesem Schicksal und wird zusammen mit seinem Halbbruder Asharhaddon – dem Thronerben – zum Krieger erzogen. Zwischen den beiden Brüdern entsteht Rivalität. Zum einen um eine Frau, die Prinzessin Asarhamat, die zwar Tiglat liebt, aber dem Kronprinzen versprochen ist. Zum anderen ist da eine Prophezeiung, die eigentlich Tiglat den Königsthron zuspräche, die aber von Asharhaddons Mutter und den Priestern geschickt zugunsten des Kronprinzen Asharhaddon gefälscht wird, als der Vater Tiglat zu bevorzugen beginnt. So wird Asharhaddon, der eigentlich lieber Krieger geworden wäre, König, und Tiglat, dem Gott Assur und der Vater den Thron bestimmt hätten, wird Feldherr – die Auseinandersetzung ist vorherbestimmt. Im Laufe der beiden Romane durchläuft Tiglat, der seine Geschichte selbst erzählt, alle Höhen und Tiefen: vom Prinzen und gefeierten Kriegshelden bis hin zum mittellosen Verbannten; seine Flucht vor dem eifersüchtigen Bruder führt ihn, im zweiten Band, weit durch die antike Welt, bis nach Ägypten und schließlich Griechenland, wo er eine zweite Heimat findet. Und doch: am Ende kehrt Tiglat zurück, um dem von Feinden bedrängten Asharhaddon in einem letztem Kampf beizustehen…
Nun ja, der letzte Satz deutet es an: der Held der Geschichte ist wirklich sehr edel. Obwohl Asharhaddon, der die Konkurrenz des bei Volk und Heer beliebten Bruders fürchtet, ihm wahrlich übel mitspielt, nützt Tiglat keine der sich bietenden Gelegenheiten, um dem Bruder den Thron zu entreißen. Zu fest glaubt er an die Rechtmäßigkeit von Asharhaddons Thronanspruch. Doch trotz dieses für Durchschnittsleser vielleicht ab und an schwer nachvollziehbaren Edelmuts, identifiziert man sich mit Tiglat, dem Auserwählten des Gottes Assur. Ich schreibe "trotz", da mir persönlich normalerweise die "gemischten" Helden, mit ein oder zwei Charakterfehlern, immer lieber waren. Tiglat aber ist unter den "Edlen" eine positive Ausnahme: er lädt zum Mitfiebern ein und wirkt nicht im Geringsten farblos, steif oder unglaubwürdig. Und auch sonst haben die beiden Romane (rechte Schmöker von 600 bzw. 900 Seiten Stärke!) alles, was man sich wünscht: gewaltige Schlachten, einen nicht-ganz-bösen Bösewicht, den man wunderbar "hassen" kann, wenn er Tiglat wieder einmal demütigt, eine intrigierende Königin, eine schöne Frau zwischen zwei Männern, den verschmitzten Sklaven Kephalos, der sich zum treuen Helfer seines Herrn Tiglat entwickelt, Feldzüge, weite Reisen und fremde Völker. Unwahrscheinlich aufregend, von der ersten bis zur letzten Zeile, mit einigen wirklich überraschenden Wendungen. Ganz nebenbei erfährt man außerdem eine Menge über Assyrien und die antike Welt im 7. vorchristlichen Jahrhundert.
Einziges, kleines Problem könnte sein: soweit mir bekannt, werden die Bücher nicht mehr verlegt. Wer also jetzt neugierig, aber nicht gleich bei Amazon fündig geworden ist, sollte auch im Antiquariat oder in der Leihbuchhandlung suchen. Es lohnt sich!
5 Responses to “Nicholas Guild: Tiglat Assur”
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