

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Ja, das gibt es tatsächlich: die berühmte Schöpferin von Hercule Poirot und Miss Marple hat einen Kriminalroman geschrieben, der im alten Ägypten spielt.
Inspiriert wurde sie dazu durch jene Ägyptenreise, der wir auch “Tod auf dem Nil” verdanken, sowie durch ihre Bekanntschaft mit Ägyptologen. Liebevoll geschrieben und – nach dem damaligen Stand der Wissenschaft – hervorragend recherchiert ist dieser Roman, der sogar teilweise auf originalen Papyri basieren soll.
Die junge Renisenb ist nach dem Tod ihres Mannes auf das Gut ihres Vaters, des Ka-Priesters Imhotep, zurückgekehrt. Sie hofft, im vertrauten Schoß der Familie wieder Ruhe zu finden. Doch schon bald beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen: Ihr schon lang verwitweter Vater bringt unerwartet eine Konkubine von der Reise mit, die schöne und stolze Nofret. Diese beginnt, die Bewohner des Hauses auf subtile Weise gegeneinander aufzuhetzen. Als Nofret schließlich von einer Klippe stürzt, steht Renisenb vor der entsetzlichen Frage, wer aus ihrer Familie der Mörder sein könnte. Einer ihrer Brüder – der eingebildete, temperamentvolle Sobek? Der ruhige, gewissenhafte Yahmose? Oder der verwöhnte Ipy? Hat Yahmoses zänkische Frau Satipy etwas damit zu tun? Welches Geheimnis umgibt die stets jammernde, alte Dienerin Henet, die so auffällig hoch in Imhoteps Gunst steht? Und wer ist dieser beunruhigend gutaussehende Kameni, der, angeblich in Verwaltungsangelegenheiten, von einem anderen Besitz Imhoteps kam und Nofret viel zu gut gekannt zu haben scheint. Renisenbs einzig wahre Stütze scheint der Schreiber ihres Vaters, Hori zu sein, der auch bald einen Verdacht hegt. Aber dann geschehen weitere Morde. Und während der Verdacht laut wird, Nofrets rächender Geist könnte aus dem Jenseits zurückgekehrt sein, versuchen Renisenb, Hori und die alte Großmutter Esa verzweifelt, dem Mörder auf die Spur zu kommen … denn niemand weiß, wer das nächste Opfer sein wird.
Es ist eine interessante Mischung: einerseits typisch Agatha Christie, mit vielen Verdächtigen, unzähligen Möglichkeiten mitzurätseln und einem dennoch völlig überraschenden Ende. Auf der anderen Seite bekommt dieser vertraute, englische Stil einen völlig neuen Flair, in seinem “altägyptischen Gewand”. Die Hauptperson Renisenb ist keine aktive Ermittlerin, wie Miss Marple, sondern vielmehr eine Beobachterin. Der Leser erlebt, ihr sozusagen über die Schulter blickend, die Ereignisse in Imhoteps Haus mit. Die Handlung spielt sich, ohne deshalb an Spannung einzubüßen, im privatesten Kreis der Familie ab und bleibt eng auf das Anwesen Imhoteps begrenzt. Die zarte Liebesgeschichte, die Agatha Christie eingebaut hat, gibt der sonst sehr passiven und daher eher uninteressanten “Hauptperson” Renisenb noch ein wenig zusätzlichen Reiz, denn die Entscheidung, die Renisenb zwischen dem gutaussehenden Kameni und dem sanften, vernünftigen Hori treffen muss, verflicht sich mit den Morden: jeder von beiden könnte auch der Täter sein…
Fazit: ein typischer Agatha Christie im alten Ägypten – das ist sowohl für Krimi- wie für Altägyptenfans sicher ein Leckerbissen. Der Roman ist recht kurz, im englischen Original (“Death comes as the End”, auf das sich übrigens hier auch die Personennamen beziehen) nur 191 Seiten. Dennoch, oder gerade deswegen, eine nette Kleinigkeit für zwischendurch, wenn man von der großen Politik der Pharaonen eine kleine Erholungspause braucht.
2 Responses to “Agatha Christie: Rächende Geister”
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