

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Ägypten in den letzten Regierungstagen Ramses III. Sermerchet, vormaliger Sekretär für “Strafverfolgung und Geheimes”, war dem Alkohol verfallen, nachdem seine Frau Naia ihn verlassen hatte. Als ihn aber, dank der Vermittlung seines Bruders Nenri, die Verwalter Thebens mit der Aufklärung des scheinbar belanglosen Mordes an einer alten Priesterin betrauen, wird er überraschend schnell wieder zu einem nüchternen, hartnäckigen Ermittler – sehr zum Bedauern seiner Auftraggeber, die es, wie er bald feststellen muss, weitaus lieber gesehen hätten, wäre der “Trunkenbold” gescheitert.
Führen ihn seine Ermittlungen zunächst in das Dorf der Grabarbeiter, nahe dem Tal der Könige am Westufer des Nils, so findet er doch bald heraus, dass er es mit viel mehr als nur einem einfachen Mord zu tun hat. Was haben die Dorfbewohner zu verbergen? Weshalb fallen die sonst so wachsamen Medjai, die doch die Königsgräber bewachen sollen, in Neumondnächten in so tiefen Schlaf? Woher kommen die Reichtümer in dem kleinen Dorf – bezahlt der Pharao wirklich so gut für sein Grab? Was haben die Bürgermeister von Ost- und Westtheben damit zu tun? Und wieso äußern die Königin Tija und ihr Sohn, der von der Thronfolge ausgeschlossene Pentwere, ein solches Interesse am Fortgang seiner Ermittlungen? Was Semerchet mit Hilfe seines Bruders und des Medjai Quar aufdeckt, ist mehr, als er in seinen schlimmsten Träumen zu befürchten gewagt hätte: eine Verschwörung im Harem Ramses III. – und das Opfer soll kein geringerer sein, als der Pharao selbst! Für Semerchet beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit, bei dem nicht er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner geliebten Naia in Gefahr bringt: ihr neuer Ehemann ist einer der Verschwörer…
Brad Geagley hat einen spannenden, durchaus lesenswerten “Altägypten-Thriller” zur berühmten Haremsverschwörung unter Ramses III. abgeliefert, der im letzten Drittel des Buches noch zusehens an Fahrt gewinnt. Ein “typischer” Krimi ist es nicht. Zum einen hat Geagley einige fantastische Elemente eingemischt (ist es wirklich Gott Chons, der persönlich eingreift ? Hat der Gott die bemerkenswert intelligente Katze Sukis als Hilfe geschickt? Funktioniert die Hexerei der bösen Königin Tija tatsächlich?). Diese stören zwar nicht (immerhin glaubte man im alten Ägypten ja auch an die Wirksamkeit solcher Magie), aber es hätte im Rahmen der Handlung ohne nennenswerte Verluste auf sie verzichtet werden können. Zum anderen gewinnen die Ereignisse im erwähnten letzten Buchdrittel, mit der “Armee der Bettler” die plötzlich auftaucht, um Pharao zu retten, mit Verfolgungsjagten, schwarzer Magie und Gewitterstürmen, eine Dynamik, die nichts mehr mit der Aufklärung des Verbrechens zu tun hat. Die Charaktere sind alle glaubwürdig gezeichnet. Semerchet mit seinen glühenden schwarzen Augen und seiner Angewohnheit, niemals etwas anderes als seine tatsächliche Meinung zu sagen, ist ein nicht immer perfekter, aber gerade deshalb doch sympathischer Hauptheld. Auch die Nebenfiguren, Freunde wie Gegner, wirken lebendig – selbst wenn man vielleicht einige, wie etwa den temperamentvollen Vorarbeiter Paneb, bereits von anderen Autoren kennt, die den gleichen historischen Stoff gewählt hatten. Als Wehrmutstropfen im Roman fallen ein paar zu “moderne” Begriffe auf – wobei dies, wir wollen es dem Autor zugestehen, u.U. an der deutschen Übersetzung liegen könnte. Ein “Prototyp” beispielsweise stört im alten Ägypten ein wenig, auch wenn der Hintergrund sonst zwar nicht sehr ausführlich, aber, soweit vorhanden, doch recht zutreffend gezeichnet ist. Doch solche Stellen sind selten und lassen sich insgesamt so gut verschmerzen, dass man sich sogar auf die – im Englischen bereits erschienene – Fortsetzung freuen darf.
Fazit: ein spannender Roman im alten Ägypten. Auch wenn man die Haremsverschwörung um Ramses III. schon kennt, hat er einige nette Höhepunkte zu bieten. Keine absolute Spitzenklasse unter den Ägyptenromanen – vermutlich nichts für hoch anspruchsvolle Ägyptologen
. Dennoch: ein wirklich gutes Buch, um ein oder zwei Abende darin zu versinken.
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