

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Johann Friedrich von Cronegk (1731-1757/58 ) ist ein Dichter, dessen Name heute leider heute nur noch wenig bekannt ist – möglicherweise auch aufgrund des sehr frühen Todes, der seinem Schaffen ein jähes Ende setzte. Dabei gewann sein Trauerspiel “Codrus” 1756 sogar den von Friedrich Nicolai in der Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste ausgeschriebenen Wettbewerb um das beste unveröffentlichte Trauerspiel. Dies machte ihn zu einem der bekanntesten Dichter seiner Zeit (auch wenn er diesen Triumph nicht mehr erleben durfte). Seine posthum (1760/61) von seinem Dichterfreund Johann Peter Uz herausgegebenen Schriften wurden innerhalb von 17 Jahren immerhin siebenmal aufgelegt. Und Cronegks berühmter Zeitgenosse Lessing, der seine “Hamburgische Dramaturgie” mit einer (lesenswerten!!!) äußerst scharfen und bissigen Kritik an Cronegks “Olint und Sophronia” eröffnete, fühlte sich später, im siebten Stück jener Dramaturgie, bemüßigt diese Kritik zu rechtfertigen: “Ich habe nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu verleiden, den ungekünstleter Witz, viel feine Empfindung und die lauterste Moral empfehlen.” Ein Hinweis darauf, dass sich Lessing mit seiner Kritik offenbar gegen einen weithin anerkannten Dichter gewandt und damit einen gewissen Unmut erregt hatte.
Einen Blick auf Cronegks Werke zu werfen könnte also vielleicht doch lohnend sein – auch wenn man “Olint und Sophronia” (ein Drama, das er bedauerlicherweise nicht mehr ganz vollenden konnte), heutzutage kaum im Deutschunterricht lesen wird.
Die Vorlage für Cronegks Trauerspiel bildet der zweite Gesang aus “Gerusalemme Liberata” (“Befreites Jerusalem”) des italienischen Renaissancedichters Torquato Tasso. Sich frei nach Tasso richtend, erzählt Cronegk folgendes Geschehen:
Wir befinden uns in Jerusalem zu Zeiten der Kreuzzüge. Die heilige Stadt, in der der muslimische König Aladin herrscht, wird vom Heer der Kreuzfahrer belagert. Um der Bedrohung besser begegnen zu können, hat der König auf Rat Ismenors, des obersten “mahomedonischen Priesters“, das Kruzifix aus der Kirche der Jerusalemer Christen im muslimischen Tempel aufstellen lassen. Denn dann, so glaubt man, werden die Kreuzfahrer an der Eroberung der Stadt gehindert. Olint, der junge Vertraute Aladins, ist jedoch im Geheimen ein Christ. Er entwendet in tiefster Nacht besagtes Kreuz wieder aus dem heidnischen Tempel und lässt es vor die Stadtmauern zu den Kreuzrittern schaffen. Eine Tat, die seinen Vater Evander wahrlich beglückt (“Mein Sohn! umarme mich! O Tugend! welche Freude!/Du bist ein Christ, mein Sohn, ein Held, den ich beneide!”), hatte er doch gefürchtet, Olints Christentum könnte den Verführungen des Sarazenenhofes unterliegen. Als er dann noch erfährt, dass der tapfere Jüngling heimlich die christliche Jungfrau Sophronia liebt und nicht die heidnische Perserkönigin Clorinde, scheint alles in bester Ordnung. Nur, wie Olint es bereits vorausgeahnt hatte: König Aladin ist über den Raub des Kreuzes wütend. So wütend, dass er androht, alle Christen der Stadt unterschiedslos dafür büßen zu lassen, sollte sich der Täter nicht finden.
Ja, an diesem Punkt beginnt der geneigte Leser es zu ahnen: wir befinden uns in einem Märtyrerdrama. Wie Lessing es in seiner oben erwähnten Kritik so treffend bemerkte: “ Was in „Olint und Sophronia“ Christ ist, das alles hält gemartet werden und sterben, für ein Glas wasser trinken und sterben. ” (1.Stück der Dramaturgie)
Die eigentlich unschuldige Sophronia beschließt auch wirklich, tugendhaft und christlich wie sie ist, die Schuld auf sich zu nehmen, um die übrigen Christen Jerusalems zu retten. Olint, der davon erfährt (ironischerweise hatte Aladin ausgerechnet ihn mit der Aufklärung des Verbrechens betraut), kann das natürlich nicht zulassen, offenbart seinen wahren Glauben und erklärt, nur er sei der wahre Täter. Was zu einem bemerkenswerten Disput zwischen den Liebenden führt, wer denn nun von ihnen beiden für Christentum, Mitchristen und den jeweils anderen sterben darf. (Sophronia: “Olint, so raube mir die Märtrerkrone nicht!”). Der König, vom fanatischen Ismenor bestärkt, löst dieses Problem auf recht pragmatische Art: Dann sollen eben beide auf den Scheiterhaufen. Zuvor allerdings, und dies ist durchaus bemerkenswert, macht er seinem Freund Olint noch ein Angebot: Dieser möge zum Islam übertreten – zum Schein würde bereits genügen, für sich glauben könne er weiterhin, was er wolle. Damit wäre Olint gerettet. Aber der junge Held kann darauf natürlich nicht eingehen und weigert sich standhaft, seinen christlichen Glauben auch nur einen Tag länger zu verleugnen. Auch als Perserkönigin Clorinde (schön, aber heidnisch und heißblütig), die ihrerseits seit langem in Olint verliebt ist, ihm ihre Hand und damit die Perserkrone und Rettung vor der Hinrichtung anbietet, lehnt er – mit einem Verweis auf Sophronia – ab. Die gekränkte Clorinde reagiert auf diese Zurückweisung rasend vor Zorn: Sie beschließt, zur Rache Sophronia vor Olints Augen zu töten.
Ja, nun erwarten wir endlich eine blutige Todesszene (angemerkt sei: trotz alleseitiger Drohungen, Befürchtung von “Martern” in denen man “standhaft seyn” muss und Klagerufen “Oh Schmerz!” lebt unser Heldenpaar immer noch und ist, von den Ketten einmal abgesehen, ausgesprochen unversehrt). Doch nein, auch jetzt noch kein Blut: Sophronia vergibt, ganz christliche Nächstenliebe, Clorinde, sobald ihr diese mit dem Dolch gegenübertritt, und erklärt: “Durch die Religion wird jedes Herz erhöht: Sie lehret uns allein, wie man den Tod verschmäht (…)” – eine Rede, von der Clorinde so beeindruckt ist, dass sie nicht nur sogleich Olint bringen lässt und spricht: “Sey glücklich, edles Paar!”, nein, sie möchte sich auch selbst noch zum Christentum bekehren.
Und leider, leider werden wir niemals erfahren, wie Cronegk nun dieses Drama hatte enden lassen wollte, denn hier, am Anfang des fünften Auftrittes, schließt das von ihm hinterlassene Fragment. Für eine Aufführung, die 1764 in Wien stattfand, ergänzte Roschmann einen Abschluß, der – vermutlich, weil Cronegk sein Drama ein “Trauerspiel” genannt hatte – tragisch ausfällt, obgleich in der letzten Szene, die Cronegk verfasst hatte, Clorinde beabsichtigte, sich beim König für eine Begnadigung des Paares einzusetzen (was einen glücklichen Ausgang, wie er bei Tasso vorlag, auch möglich gemacht hätte).
In Roschmanns Fortsetzung zieht Olint, als treuer Untertan, für den Sultan in die Schlacht gegen die Kreuzfahrer – im Gegenzug verspricht dieser “Huld und Nachsicht” zu zeigen. Im Kampf jedoch wird Olint, obwohl er siegt und die Feinde in die Flucht schlägt, tödlich verwundet (was der Zuschauer natürlich nicht sieht, sondern nur durch Clorindes Bericht über seinen “Löwenmuth” erfährt). Sophronia indessen wird von Ismenor entführt und vergiftet, sie stirbt nach einer Vision (“Schon hör ich Engelchör’ auf Assaphs Harfe spielen (…)”) – ihre Begnadigung durch den König kommt zu spät. Der vom Schlachtfeld hereingetragene Olint stirbt schließlich neben ihrer Leiche (“Clorinde, lebe wohl! Wie stirbt ein Christ vergnüget, (…)”), und sein Vater Evander spricht: “So wirst du, sel’ges Paar! Im Tode nun vereint!”.
“Oh Schmerz!” … welch ein trauriges Ende.
Interessant an diesem Drama ist, auch wenn man es – angesichts des reichlich vorhandenen Pathos – am Besten mit verteilten Rollen und einem kleinen (oder größeren) Augenzwinkern lesen sollte, dass zwischen den Zeilen etwas recht deutlich wird: Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung und Vernunft, begann der schöne Märtyrertod in eine Krise zu geraten. Denn obwohl Olint und Sophronia so bereitwillig in den Tod gehen, sehen sich beide (ganz im Gegensatz zu Märtyrern früherer Jahrhunderte) gezwungen, ausführlich zu versichern, dass sie nicht einfach nur aus Leidenschaft handeln, geschweige denn melancholisch oder dem Wahnsinn verfallen sind. Und Cronegk fügte sogar eigens einen, in jener Zeit nicht mehr allzu üblichen, Chor am Ende der jeweiligen Auftritte ein (den Roschmann allerdings nicht weiterführt). Dieser Chor von Jungfrauen darf noch einmal das Geschehen kommentieren, um sicherzustellen, dass auch nicht der geringste Zweifel an den edlen Motiven der Helden bestehen bleibt. Denn, wie formulierte Lessing in oben erwähnter Kritik: “Nun leben wir zu einer Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu lauter erschallet, als daß jeder Rasende, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung in den Tod stürzet, den Titel eines Märtyrers sich anmaßen dürfte.”
Vernunftgründe stellen eben Märtyrer – bei allem Todesmut – vor eine harte Probe. Olint und Sophronia sind ein gutes Beispiel dafür. Und auch wenn der Dichter nicht mehr dazu kam, das Stück zu überarbeiten: Trotz aller Unvollkommenheiten machen doch gerade diese und andere Feinheiten, die zwischen den Zeilen lesbar werden, das Drama durchaus faszinierend, auch für heutige Leser. Zumal in unseren Tagen die Vernunftfrage nach dem Märtyrertum in ganz anderem Zusammenhang wieder eine traurige Aktualität besitzt. (Um Missverständnissen vorzubeugen sei hier allerdings hinzugefügt: Cronegk, ein Proestant, hatte, dies legen seine Biografie und die Zeitumstände nahe, mitnichten die “Mahomedaner” im Sinne, als er den heidnischen, grausamen Ismenor ersann, sondern sehr viel wahrscheinlicher die Katholiken … . )
Anzumerken ist zum Schluß noch, dass das Stück nicht ganz leicht aufzutreiben ist. Im “Verlag Alte Post” ist 2003 allerdings eine schöne Ausgabe mit dem Titel “Johann Friedrich von Cronegk: Schriften” erschienen, in der neben “Olint und Sophronia” auch alle anderen Werke des Dichters versammelt sind.
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