

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Betreiben wir ein kleines Gedankenspiel: was kommt wohl dabei heraus, wenn ein Autor, der unter anderem regelmäßig für die bekannte Kabarett-Sendung “Scheibenwischer” schreibt, einen historischen Roman verfasst?
Die Antwort lautet: Agrippa.
Agrippa, Erzähler in “Das Buch Haithabu”, ist ein lebenslustiger, verschmitzter und nicht unbedingt gewohnheitsmäßig keuscher Mönch, der im Jahre 919 als sehr alter Mann beginnt, einen Teil seiner Lebensgeschichte niederzuschreiben. Damit setzt der Roman ein und zugleich die kurze, immer wieder zwischengeschobene Rahmenhandlung, in welcher der Leser unter anderem staunend erfährt, wie der greise Agrippa eine verurteilte Ehebrecherin vor dem Tode rettet, dafür selbst am Pranger endet und in der Folge auf wundersame Weise zu einem (Beinahe-)Heiligen aufsteigt, der sich allerdings lieber von der dankbaren (hübschen) Ehebrecherin in einer einsamen Waldklause pflegen lässt, als seinem Kloster vermittels der neugewonnenen Heiligkeit zu Pilgern zu verhelfen.
Das, was der alte Agrippa in dieser Waldklause zu Pergament bringt, nimmt als Haupthandlung den größten Teil des Romans ein. Mit zahlreichen, scheinbar beiläufigen, humorvollen und dabei doch oft tief nachdenklichen Abschweifungen (die tatsächlich hin und wieder an den Stil mancher Scheibenwischer-Kabarettisten erinnern) erzählt er die “Geschichte Herwards”.
Dazu gehört zunächst eine – sehr ausführlich gehaltene – Vorgeschichte. Bei einem Überfall auf das kleine Ramsolano, wo der junge Mönch Agrippa lebt, lassen die Wikinger den Sohn ihres Anführers verwundet zurück – mit der Drohung, fürchterlichste Rache zu üben, sollte der Junge – Heitu – bei ihrer Rückkehr nicht mehr leben. Nun, Heitu überlebt zwar, nicht zuletzt dank Agrippas Hilfe, doch die Wikinger kommen nicht mehr zurück, um ihn zu holen. Und so wird Heitu, der die Kräuterfrau Varga heiratet, wider Willen Teil einer Gemeinde, in der ihm, dem Sohn des “Blutrinkers Olaf”, tiefstes Mißtrauen entgegenschlägt. Agrippa und seine Mitbrüder (alle für den einen oder anderen Verstoß gegen die Ordensregeln ins abgelegene Ramsolano verbannt) bemühen sich in der Folge redlich den Frieden zu wahren. Und tatsächlich bleibt nicht nur Heitu am Leben – auch seine Kinder wachsen einigermaßen unbehelligt heran. Darunter auch Heitus Sohn Herward. Jener Herward, um dessen Erlebnisse es Agrippa eigentlich geht.
Herwards Geschichte beginnt wirklich, als Agrippa und Heitu nach einer “Missionsfahrt” zu den heidnischen “Bärenanbetern” in das Heimatdorf zurückkehren und es von den Wikingern zerstört vorfinden. Heitu, der seine Frau ermordet und die Töchter in die Sklaverei entführt sieht, stürzt sich verzweifelt in sein Schwert. Der fünfzehnjährige Herward aber hat durch einen Zufall das Blutbad überlebt und schwört dem Anführer des Überfalls Rache. Auf den Spuren dieses Mannes, des gefürchteten Rangar, macht sich Herward auf den Weg in die größte Handelsstadt der Wikinger – Haithabu. Agrippa, der sich als Missionar nach Haithabu hat ausschicken lassen, begleitet seinen Schützling. Am Ziel angekommen finden die beiden rasch heraus, dass der gesuchte Rangar der herrschende Stadtfürst, der “Jarl”, ist. Und zwar, wie sie verwundert erkennen müssen, ein sehr guter und gerechter, der sogar Waisenhäuser unterstützt und sich um ein friedliches Nebeneinander von Christentum und altem Götterglauben bemüht. Und während Agrippa sich den Titel “Schmalzanbeter” einhandelt, mit dem amüsierten Rangar über Religion disputiert, heidnische Feste und Bräuche beobachtet und schließlich eine kleine Christengemeinde aufbaut, verfolgt Herward – verborgen aber beharrlich – sein Ziel weiter. Trotz Agrippas Ermahnungen wartet er sehnsüchtig darauf, dass endlich hinter dem “Engel” Rangar jener Teufel wieder zum Vorschein kommt, den er für den Tod seiner Familie verantwortlich macht. Jener Mörder, an dem er sich rächen will. Und nach Jahren dann scheint endlich der Tag gekommen, den Herward so herbeigesehnt und Agrippa so gefürchtet hat: Rangar bricht zu seiner letzten Beutefahrt auf, um eine Bernsteinsonne auf Bornholm zu finden – und Herward und Agrippa sollen ihn begleiten…
Der Stil, in dem das Buch gehalten ist, ist eher ungewöhnlich für einen historischen Roman. Humorvoll, mit vielen scheinbar beiläufigen Einschüben, ohne dabei jedoch an Spannung einzubüßen. Die so eingestreuten Informationen zu Zeithintergrund, Kultur, altem Götterglauben und Christentum fügen sich harmonisch ein, regen hier und da zum Nachdenken an und entwerfen ein farbenprächtiges Bild der Epoche, ohne lehrbuchhaft vom Geschehen abzulenken. Lediglich die hin und wieder vorkommenden “Vorausdeutungen” auf die (dem Leser ja bekannte) “Zukunft” wirken manchmal ein ganz klein wenig aufgesetzt.
Den augenzwinkernden, hilfsbereiten und unvollkommenen Erzähler Agrippa ins Herz zu schließen fällt nicht schwer, auch wenn er schwerlich als “klassischer Held” geeignet ist. Seine kauzigen Mitbrüder in Ramsolano, der verschlagene, hochangesehene Bischof Ebo, Heitu und viele andere erscheinen präzise gezeichnet und charaktervoll. Der junge Herward dagegen bleibt als Gestalt leider ein wenig farblos. Er ist der temperamentvolle, junge, gutaussehende Hühne, der vollkommene Krieger (der seine Gegner mit bloßen Blicken bewzingen kann), der kalt berechnende Rächer. Gegen seinen Widersacher, den vielschichtigen, undurchsichtigen, immer wieder überraschenden Engel-Teufel Rangar wirkt er etwas zu vorhersehbar, um wirklich interessant zu sein.
Doch trotz solch kleinerer Mängel: “Das Buch Haithabu” ist durchaus empfehlenswert. Wer sich unsicher ist, ob er den oftmals zum Schmunzeln, Lachen und/oder Nachdenken anregenden, abschweifenden Erzählstil mag, der sollte vielleicht einfach vor dem Kauf ein oder zwei Seiten probelesen – man gewinnt schnell einen guten Eindruck von dem, was zu erwarten steht. Und wer dann entscheidet, dass er Agrippa auf seinen Reisen begleiten möchte, der sollte Zeit mitbringen – denn das Buch verführt zum weiter- und immer weiterlesen.
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