

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
Es gibt Bücher, die wie geschaffen dafür sind, in Badewannen gelesen zu werden: Sie tragen ganz herrlich zur Entspannung bei, auch nach einem langen Arbeitstag – und sie sind nicht so literarisch wertvoll, dass man sich wegen einiger Wasser- und Seifenspritzer auf dem Buchdeckel im Nachhinein allzu große Vorwürfe machen würde.
Ich habe solche Bücher in meinen Regalen in der Rubrik “Badewannenschmöker” eingeordnet – und in diesen Reihen stehen auch die Bände der Samaria-Reihe von Sharon Shinn.
In deutscher Übersetzung liegt vor:
- Sharon Shinn: “Erzengel” (Originaltitel: Archangel, erstmals erschienen 1997; deutsch 1998 bei Heyne)
Im englischen Original gibt es außerdem noch:
- Jovah’s Angel (Ace Books, 1998)
- The Alleluia Files (Ace Books, 1999)
- Angelica (Ace Books, 2003)
und:
- Angel-Seeker (Ace Books, 2004)
Die Erscheinungsdaten der Bücher sind dabei kein eindeutiger Hinweis auf die chronlogische Abfolge der Handlung. “Angelica” beispielsweise spielt zeitlich vor dem ersten Buch “Erzengel”, während etwa “Jovah’s Angel” 150 Jahre später angesiedelt ist.
Da jedoch die Romane in sich abgeschlossen sind, spielt die Lesereihenfolge keine allzu bedeutende Rolle. Und ihr Status als “Badewannenschmöker” bedeutet nicht, dass sie nicht lesenswert wären. Im Gegenteil:
Sharon Shinns Samaria – Romane lesen sich spannend und flüssig und sind gut geschrieben. Die Hintergrundgeschichte der Welt, in der die Romane spielen, ist außergewöhnlich und bis in Details durchdacht und die Charaktere sind liebevoll gezeichnet.
Angesiedelt sind die Romane an der Schwelle zwischen Fantasy und Science Fiction, wobei sie deutlich mehr in die Fantasy hinüberspielen. Ihre Grundidee kommt dabei erst nach und nach, über die verschiedenen Bücher hinweg, ans Licht:
Auf der Welt Samaria haben sich, vor langer Zeit, Kolonisten angesiedelt, die – offenbar nach einem verheerenden Krieg – alle moderne Technik aus ihrem Leben verbannten, um weiteres Unheil zu verhindern. Irgendwann geriet diese moderne Technik dann nahezu in Vergessenheit und nur wenige “Rebellen” (Siehe “The Alleluia Files”) erinnern sich noch daran, dass der “Gott” Johva, der vom Himmel herab ab und an durch Medikamentenregen und andere Gaben in das Geschehen eingreift, in Wirklichkeit ein gigantisches und hochmodernes Raumschiff ist, das im Orbit des Planeten kreist.
Einzige Mittler zwischen “Johva” und den Menschen sind die Engel, die sich nicht nur durch ihre mächtigen Flügel von den normalen Menschen unterscheiden. Sie allein sind in der Lage, durch ihren Gesang und ihre Musik zu “Johva” Kontakt aufzunehmen und ihn um Hilfe zu bitten. (Soweit jedenfalls die vorherrschende Meinung.) Entsprechend groß ist die Machtstellung der Engel innerhalb der Gesellschaft.
In diesem Spannungsfeld zwischen den Engeln und den gewöhnlichen Menschen, zwischen fast vergessener High-Tech und nahezu mittelalterlicher Umwelt sind die Romane angesiedelt. (Ausnahme ist “Johva’s Angel”, der etwa 150 Jahre nach den übrigen Büchern spielt und in dem die Industrialisierung soeben eingesetzt hat.)
Der einzige Wermutstropfen bei diesen Büchern ist, dass sich viele Handlungselemente über die Romane hinweg wiederholen. “Erzengel” und “Angelica” beispielsweise enthalten sehr viele Übereinstimmungen: Engel benötigt menschliche Ehefrau zwecks Zeugung neuer Engel, die von Johva Auserwählte jedoch hat eine Abneigung gegen den für sie ausersehenen Engel, am Ende finden sich beide nach dramatischen Abenteuern dann doch noch. (Samaria-Fans mögen mir diese etwas knappe Handlungsskizze verzeihen …). Selbst wenn diese Wiederholungen ein Stilmittel sind – sie können doch etwas seltsam anmuten, wenn man die Romane direkt hintereinander liest. (Mein Tipp: Gerade zwischen “Angelica” und “Archangel” einen anderen “Badewannenschmöker” einschieben ….)
Und, wie der Kurzabriss der häufig wiederkehrenden Motive bereits ahnen lässt: Der Leser sollte doch ein wenig “belastbar” sein, was “Dromantik” anbelangt. Dromantik? Tja, eben jene mitreißende, badewannenschmökergeeignete Mischung aus “Dramatik” und “Romantik”, mit denen Sissi & Co. schon manch harten Mann in die Flucht geschlagen haben. Wer freilich – wie ich – in ruhigen Stunden durchaus für “Dromantik” empfänglich ist, der kann mit diesen Büchern eigentlich nicht allzuviel verkehrt machen.
Aber dennoch: Sharon Shinns “Samaria-Reihe” ist sicher nicht nur eine Leseempfehlung für hoffnungslose Badewannendromantiker. Sie ist vielleicht auch einen Blick wert für alle, die gerne in ungewöhnlichen Weltentwürfen stöbern, die an Gedankenspielen Freude haben – oder die einfach einmal eine Abwechslung zu der üblichen “Elfen-Zwerge-Orks” – Fantasy suchen. Denn die Idee einer in die Vor-Industrialisierung zurückgefallenen Gesellschaft, die ein längst vergessenes Raumschiff als Gott verehrt, diese Idee ist zweifelsohne außergewöhnlich genug, um Interesse zu wecken und vielleicht zu dem einen oder anderen Gedankenspiel anzuregen.
One Response to “Himmlische “Badewannenschmöker” – die Samaria Reihe von Sharon Shinn”
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