

Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.
Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten
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Wer kennt sie nicht – Die “Kinder- und Hausmärchen” der Brüder Grimm. Schon zu deren Lebzeiten erschienen allein von dieser Ausgabe der Märchensammlung (und es gab noch andere) sieben verschiedene Auflagen. Heute dürfte diese Märchensammlung zu den wohl meistübersetzten und meistgelesensten der Welt zählen.
Angesichts dieser Tatsache überrascht es vielleicht zu hören, dass die “Kinder- und Hausmärchen” nicht alle Märchen enthielten, die von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm gesammelt und bearbeitet worden waren. Siebzehn Märchen wurden nämlich zunächst nur als Einzelausgaben veröffentlicht – etwa in Almanachen und Zeitschriften. Zehn dieser Einzelveröffentlichungen fanden später noch Aufnahme in die Märchensammlung – allerdings in mehr oder weniger veränderter Form. Sieben Märchen jedoch wurden – teils wohl wegen ihrer ausländischen Herkunft – in keinem Buch der Brüder Grimm veröffentlicht. (Eine für Märchen überaus passende Zahl, am Rande bemerkt.)
Der Germanist und Erzählforscher Heinz Röllke hat nun diese siebzehn Märchen, die in den üblichen Ausgaben der “Kinder- und Hausmärchen” in anderer Fassung oder überhaupt nicht vorliegen, in einem kleinen Büchlein zusammengestellt. Die Einleitung, die allein dreiundzwanzig der insgesamt einhundertachtzehn Seiten einnimmt, richtet sich dabei - ebenso wie der Anhang mit detaillierten Quellenangaben und kurzen Kommentaren zu jedem der Märchen – eindeutig an Literatur- und andere Wissenschaftler, die hier für Vergleichs- und Entwicklungsstudien ein reiches und spannendes Betätigungsfeld vorfinden dürften.
Aber auch ein Bücherwurm, der sich nicht in erster Linie für die Entstehungsgeschichte der Grimmschen Märchensammlung oder die verschiedenen Redaktionsstufen der Niederschrift interessiert, findet in diesem kleinen Band (erschienen 1993 im Insel-Verlag) sicher manchen Leckerbissen.
Neben einer frühen Fassung bekannter Märchen wie “Schneeweischen und Rosenroth” oder “Brüderchen und Schwesterchen”, finden sich hier nämlich auch eher wenig bekannte Texte wie “Der gläserne Sarg”, “Der Krieg der Wespen und Esel” oder das norwegische Märchen “Das Fest der Unterirdischen”. (Letzteres ist, nebenbei bemerkt, mein persönlicher Favorit, der durchaus - in entsprechender Umarbeitung – das Potential für einen prächtigen Märchenfilm hätte.)
Insgesamt also ein zwar kurzes, aber auch höchst kurzweiliges Büchlein, das nicht nur für Märchenfreunde noch die eine oder andere Überraschung bereithalten dürfte.
Rölleke, Heinz (Hrsg.): “Grimms Märchen wie sie nicht im Buche stehen”. Frankfurt a. M., Leipzig: Insel Verlag, 1993
Wir alle haben uns in Schulzeiten bereits mit dem Englischen geplagt. Manche mehr, andere weniger – einige von uns haben es später studiert, manch einen zog es gar ins (englischsprachige) Ausland und wieder andere haben es, wie meine Wenigkeit, zwar mit den Jahren lesen und schätzen, nie aber so recht sprechen gelernt.
Wie aber sehen eigentlich jene, denen das Glück zu Teil wurde, das Englische in die Wiege gelegt zu bekommen, unsere Sprache? Wen das interessiert, der sollte vielleicht einmal Mark Twains Essay “The Awful German Language” lesen.
Dieser ist eigentlich ein Anhang zu seinem 1880 erschienenen Buch “A Tramp Abroad”. Hier lernt der neugierige, deutsche Muttersprachler, der sich über die seltsamen Grammatikbeispiele der Englischlehrbücher wunderte, das auch jene der Deutschlehrbücher offenbar nur wenig einleuchtender sind. Ihm wird ein ganz neuer Blick auf den verflixten Genitiv gewährt (der Dativ war eben schon damals, im 19. Jahrhundert, oft dem Genitiv sein Tod – oder hätte es jedenfalls ruhig sein können, wäre es nach manch verzweifeltem Deutschschüler gegangen). Dann die vertrackten Geschlechtszuweisungen. Der Baum, aber die Blätter. Der Fisch ist männlich, seine verdammten Schuppen aber weiblich. Der Frau wird weibliches Geschlecht zugebilligt, als Eheweib ist sie aber Neutrum? (Wir reden, wohlgemerkt, vom Deutsch des 19. Jahrhunderts). Und zu guter letzt die bodenlose Frechheit, die Teile eines einzelnen Verbes durch ganze Nebensatzkonstruktionen voneinander zu trennen (man denke an “ab-reisen”). Wer soll da das Deutsche überhaupt jemals erlernen können?
Mit dieser Frage, und anderen, erheiternden und zum Nachdenken anregenden, schlägt sich Mark Twain herum, und kommt letztendlich zu der Schlussfolgerung: “My philological studies have satisfied me that a gifted person ought to learn English (barring spelling and pronouncing) in thirty hours, French in thirty days, and German in thirty years.”.
Nun ja, über Englisch in dreißig Stunden mag man diskutieren – aber offenbar sollten wir vielleicht doch etwas mehr Verständnis für jene aufbringen, die eben nicht mit unserer wunderbaren, schweren und so herrlich komplizierten Sprache zur Welt kamen. Und vielleicht ein klein wenig dankbar sein, dass wir in der Schule Englisch und nicht Deutsch als Fremdsprache lernen mussten.
Den Aufsatz gibt es übrigens hier nachzulesen oder, wem das lieber ist, als Hörbuch auf LibriVox herunterzuladen. Beides, natürlich, kostenlos
– für arme mittellose Leseratten.
Gegen Kopfschmerzen gibt es Aspirin, gegen Husten Hustensaft – aber was nimmt man, so fragt sich Erich Kästner im Vorwort dieses kleinen Gedichtbändchens, gegen Lebensüberdruß und graue Herbstabende ein? Welche Medizin hilft bei “Gefühlsanämie” oder einem schweren Fall von “Einsamkeit”? Kästners Antwort auf diese Fragen ist eine lyrische Hausapotheke, in der er eine Art dichterischer Aspirin für jede noch so trübe Stimmung bereithält. So empfiehlt er im Inhaltsverzeichnis “Wenn man wenig Geld hat” die Seiten 18, 19 oder auch 208 zu lesen, während für den, der gerade zu Faulheit neigt, die Seiten 118, 142 oder 184 das rechte Mittelchen zur Kur bieten. Zum Lesen dieser gar nicht bitteren Pillen benötigt man freilich ein wenig mehr Zeit als beispielsweise für Kästners Aphorismen, doch es lohnt sich. Denn schon wer sich überhaupt die Ruhe für ein oder zwei Gedichte nimmt, der baut ja ein wenig innere Spannung ab und erhält Gelegenheit zum Durchatmen. Und wenn die Gedichte dann noch von Erich Kästner stammen, ist es durchaus möglich, dass man das Büchlein mit einem kleinen, erleichterten Seufzer wieder beiseite legt und sich denkt: “Ja, so kann man das natürlich auch sehen!”
Zum Beispiel endet Kästners “Warnung vor dem Selbstmord” (auf S.38 zu finden) mit den schönen Versen:
Ja, die Bösen und Beschränkten
Sind die Meisten und die Stärkern.
Aber spiel nicht den Gekränkten.
Bleib am Leben, sie zu ärgern!
Es kann jedoch genauso geschehen, dass man doch über sich selbst und die Welt ins Nachdenken gerät (und über zutiefst philosophischen Betrachtungen völlig vergisst, weshalb man sich eigentlich gerade geärgert hat). So heißt es in einem anderen Gedicht (”Herbst auf der ganzen Linie”, S. 190 ), das in Fällen schwerer Einsamkeit empfohlen wird:
Die Stunden machen ihre Runde
Wir folgen ihnen Schritt für Schritt.
Und gehen langsam vor die Hunde.
Man führt uns hin. Wir laufen mit.
Nein, es ist nicht immer angenehm, was da geschrieben steht, denn möchte man in wohlgesetzten, pointierten Worten das hören, was man in tiefster Seele eigentlich schon wusste und sich bloß nicht eingestehen wollte? Aber andererseits ist es manchmal auch beruhigend zu wissen, dass es anderen schon genauso ging und oftmals ist es hilfreich, in ein klares Bild gegossen vor sich zu sehen, was man bisher nur “so irgendwie” fühlte.
Natürlich, nicht alle Gedichte auf diesen über 200 Seiten sind gleich gut. Nicht jeder wird alle mögen, manche wird man erst verstehen, wenn man sie nach Jahren, in einer anderen Lebenslage, noch einmal liest. Und während die einen eingängig sind, erfordern andere zum Verständnis doch ein wenig neugieriges Grübeln. Aber das ist es ja eben, was eine Hausapotheke ausmacht: Es ist für jeden (Not)Fall etwas dabei.
Johann Friedrich von Cronegk (1731-1757/58 ) ist ein Dichter, dessen Name heute leider heute nur noch wenig bekannt ist – möglicherweise auch aufgrund des sehr frühen Todes, der seinem Schaffen ein jähes Ende setzte. Dabei gewann sein Trauerspiel “Codrus” 1756 sogar den von Friedrich Nicolai in der Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste ausgeschriebenen Wettbewerb um das beste unveröffentlichte Trauerspiel. Dies machte ihn zu einem der bekanntesten Dichter seiner Zeit (auch wenn er diesen Triumph nicht mehr erleben durfte). Seine posthum (1760/61) von seinem Dichterfreund Johann Peter Uz herausgegebenen Schriften wurden innerhalb von 17 Jahren immerhin siebenmal aufgelegt. Und Cronegks berühmter Zeitgenosse Lessing, der seine “Hamburgische Dramaturgie” mit einer (lesenswerten!!!) äußerst scharfen und bissigen Kritik an Cronegks “Olint und Sophronia” eröffnete, fühlte sich später, im siebten Stück jener Dramaturgie, bemüßigt diese Kritik zu rechtfertigen: “Ich habe nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu verleiden, den ungekünstleter Witz, viel feine Empfindung und die lauterste Moral empfehlen.” Ein Hinweis darauf, dass sich Lessing mit seiner Kritik offenbar gegen einen weithin anerkannten Dichter gewandt und damit einen gewissen Unmut erregt hatte.
Einen Blick auf Cronegks Werke zu werfen könnte also vielleicht doch lohnend sein – auch wenn man “Olint und Sophronia” (ein Drama, das er bedauerlicherweise nicht mehr ganz vollenden konnte), heutzutage kaum im Deutschunterricht lesen wird.
Die Vorlage für Cronegks Trauerspiel bildet der zweite Gesang aus “Gerusalemme Liberata” (”Befreites Jerusalem”) des italienischen Renaissancedichters Torquato Tasso. Sich frei nach Tasso richtend, erzählt Cronegk folgendes Geschehen:
Sep
12
Für alle, die sich für den Dichter Joachim Wilhelm von Brawe interessieren (zu dessen Drama “Der Freygeist” hier in der Teestube vor einiger Zeit eine Zusammenfassung erschien) gibt es eine wunderbare Internetseite. Die von Frank Fischer und Jörg Riemer von der Universität Leipzig bereitgestellten “Brawe-Ressourcen” bieten online Zugang zu Dokumenten und Texten, die “einen zusammenhängenden Blick auf Leben und Werk des mit 20 Jahren sehr jung verstorbenen Aufklärungsschriftstellers (1738-1758)” eröffnen. (so im “Vorwort” zu den Ressourcen). Über die übersichtliche Bibliografie gelangt man leicht zu den entsprechenden Textangeboten. Werke und Briefe Brawes finden sich ebenso wie zeitgenössische Rezensionen, Vorworte zu Brawe-Ausgaben oder neuere Forschunsliteratur. Selbst ein Bildarchiv ist vorhanden. Eine rundum gelungene, klar gegliederte Seite mit vielen interessanten Informationen – nicht nur für Studierende. Ein ausdrücklicher Dank gebührt den Verantwortlichen dafür, dass sie ursprünglich “nur” für eine Neuausgabe des “Freygeists” gesammeltes Material auf diese Weise uneigennützig der Allgemeinheit zugänglich machen.
Dieses Buch, oder vielmehr Büchlein (ein solches war es zumindest in der Ausgabe des Atriumverlags von 1950, die ich besitze) ist ein kleines Juwel. Für Erich-Kästner-Begeisterte ebenso wie für solche, die einfach nur Freude an wunderbar pointierten, geistreichen und vor Witz sprühenden Epigrammen haben. Eine Sammlung, die zum Schmunzeln und Nachdenken zugleich anregt, rasch zwischendurch gelesen ist und doch lange im Gedächtnis bleibt.
Wie aber beschreibt man ein Buch, das einen so prägnanten Titel trägt? Passenderweise nicht mit vielen Worten, sondern eben “kurz und bündig”. Daher möchte ich hier, um eine Vorstellung vom Stil des Autors zu vermitteln, einfach zwei Kästner-Epigramme zitieren, die zu meinen (unzähligen) persönlichen Favoriten gehören.
Eines befaßt sich mit den unbekannten Größen der Geschichte:
Über den Nachruhm
oder
Der gordische Knoten
Den unlösbaren Knoten zu zersäbeln
Gehörte zum Pensum Alexanders.
Und wie hieß jener, der den Knoten knüpfte?
Den kennt kein Mensch.
(Doch sicher war es jemand anders.)
Und hier geht es um Bäume (- wirklich Bäume?):
Mitleid und Perspektive
oder
Die Ansichten eines Baumes
Hier, wo ich stehe, sind wir Bäume
die Straße und die Zwischenräume
so unvergleichlich groß und breit.
Mein Gott, mir tun die kleinen Bäume
am Ende der Allee entsetzlich leid!
Na, schon Lust aufs Stöbern bekommen
?
Sep
1
Goethe! Wer hat nicht zumindest einige seiner Werke gelesen? Mehr oder minder begeistert im Rahmen des Deutschunterrichts, oder später, was mitunter vorkommen soll, sogar freiwillig und zum Vergnügen. Wer nach oder gar während solcher Lektüre beginnt, sich ein wenig mehr für den großen Dichter zu interessieren, wer nun versucht Näheres zu Goethes Lebensweg und Werk zu erfahren, der stellt rasch zweierlei fest. Erstens: Es gibt eine schier unübersehbare Flut von Literatur zu allen Aspekten und Teilaspekten seines Schaffens und Werdens, unter allen nur denkbaren Blickwinkeln. Und zweitens: beinahe all diesen Biografien, Interpretationen und Kommentarsammlungen ist eines eigen: Sie sprechen über Goethe. Über den großen Klassiker, über den verblichenen Meister. So informativ das ist – Goethe erscheint oft fern, man möchte beinahe sagen: Verstaubt, monolithisch.
Einen ganz anderen, erfrischenden Ansatz bietet hier Erwin Leibfrieds fünfbändige Goethemonografie, die 1999 im Litblockín-Verlag erschien. “Goethe! Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte”
So unkonventionell der Titel, so einzigartig ist auch die Art, wie uns Goethe hier begegnet. Im “Vorspiel” zu Band I schreibt Leibfried: “Machen wir den Meister lebendig!”
Und genau dies geschieht. Wie ein Flechtwerk setzen sich die Bände zusammen aus langen Passagen, in denen aus Werken, Gedichten und Briefen Goethes und seiner Zeitgenossen zitiert wird – sogar aus solchen, die bislang nur wenig bekannt waren. Dazwischen stehen Auszüge aus der wissenschaftlichen Literatur und, scheinbar ganz beiläufig eingeschoben, Leibfrieds eigene Kommentare, die präzise, detailliert und geistreich die chronologisch Goethes Leben folgenden Einzeltexte verbinden und erläutern. Die Länge der einzelnen Teilstücke wechselt – mal sind die zitierten Stellen sehr lang, dann wieder überwiegen, wo es notwendig ist, die Erklärungen.
Dadurch, dass der Leser immer wieder Goethe selbst sozusagen “sprechen” hört, durch die Selbstzeugnisse und Zeitzeugen, erscheint der alte Meister auf einmal ganz und gar nicht mehr angestaubt, sondern höchst lebendig. Nicht nur als Dichter, sondern auch als Verliebter, als Politiker, als Naturforscher – als der vielseitig interessierte Mensch, der er war. Und durch die eingestreuten, pointierten Kommentare wird das alles zugleich verständlich, werden Zusammenhänge offenbar, Hintergründe offensichtlich. Das so entstehende Bild Goethes ist ungemein klar, brillant und bewegt.
Es ist allerdings kaum möglich zu beschreiben, wie sich eine solch außergewöhnliches Buch wie Leibfrieds “Komet” nun liest. Um einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, hier ein kurzer Auszug. Er stammt aus dem Kapitel “Die Leiden des jungen Werther” im ersten Band (S.145 ff., hier S.146). Ausgewählt habe ich ihn weniger aufgrund seines Inhalts, sondern mehr, weil hier auf relativ kleinem Raum das typische Wechselspiel von Zitat und Kommentar erkennbar ist. Es geht um den plötzlichen Abschied, den Goethe als junger Mann bekanntermaßen von Wetzlar und der geliebten Pfarrerstochter Charlotte Buff nahm:
“Abschied nimmt er im September [An Charlotte Buff. Wetzlar, 10.September, 1772]: Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs bey deinen reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich Sie sehe. [Achtung! Ein gefährlicher rhetorischer Trick angeblich aufgeregter Verliebter: Du und Sie in einem Satz - ein Muster, das man noch öfter trifft. Der Frankfurter beherrscht es.]”
In solcher Weise lösen also Kommentar (Kursivdruck) und zitierter Text (Normaldruck) einander ab. Gemeinsam ergeben sie ein kunstvoll gewebtes Ganzes, in das der Leser ohne jede Anstrengung eintauchen kann. Um am Ende verwundert festzustellen, wie viel Vergnügen solch eine Fundgrube dichtgepackten Wissens bereiten kann. Und mit etwas Glück nimmt man ein neues Bild Goethes mit – nicht das Bild einer angestaubten, weißen Dichterbüste, sondern das eines überaus lebendigen, faszinierenden Mannes.
Jul
27
Jürgen Kühnle schreibt: “Ich besitze einige Bücher, die ich gerne öfters lesen möchte, aber auf Grund ihres Alters zu empfindlich sind. Da der Urheberschutz 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers endet, kann ich diese Werke in elektronischer Form umsetzen und der Allgemeinheit zugänglich machen. Es handelt sich dabei nicht um einzelne Ausschnitte aus den Werken der Schriftsteller, sondern ich versuche jeweils das Gesamtwerk der wichtigsten Schriftsteller der deutschen Literatur vorzustellen.” Damit ist schon das Wesentlichste über Literatur@www.Wissen-im-Netz.info gesagt. Derzeit verfügbar sind Werke von Anette Droste-Hülsoff, Wolfram von Eschenbach. Ludwig Ganghofer, Goethe, Schiller, Max Habicht, Karl Simrock und David Friedrich Weinland. Die Seite ist übersichtlich aufgebaut und alle Texte liegen in einem gut lesbaren Format vor, das sich auch ohne Probleme kopieren lässt. Im Falle der genannten Dichter bietet sich hier also eine echte Alternative zu dem bekannteren Projekt Gutenberg, das natürlich weitaus mehr Autoren abdeckt, aber meist nur eine Auswahl aus deren Werken bereitstellt. Ein herzliches Dankeschön an Herrn Kühnle!
Jul
18
Nagib Mahfouz (auch geschrieben “Mahfuz”) gilt als einer der bedeutendsten (lebenden) ägyptischen Schriftsteller und wurde 1988 mit dem Literaturnobelpreis auszeichnet. Nicht nur deshalb aber habe ich “Thebes at War” (deutscher Titel “Theben”) auch unter “Literatur” eingeordnet. Es ging mir vor allem darum, dass das Buch sich, aus heutiger Perspektive wenigstens, unmöglich einfach nur als historischer Ägyptenroman lesen lässt. Obwohl es spannend geschrieben ist, gibt es zahlreiche Aspekte, die einem unvorbereiteten Leser seltsam, vielleicht sogar unangenehm auffallen werden. Eine gewisse “literaturwissenschaftliche” Neugier ist also angebracht, ehe man mit dem Lesen beginnt.
Denn der Zeithintergrund ist zum Verständnis des Romans ausgesprochen wichtig: “Thebes at War” entstand 1941 anlässlich eines Preisausschreibens, als dritter Roman des Autors, der ursprünglich plante, die gesamte Geschichte Ägyptens in einer Romanreihe nachzuzeichnen. (Nach “Thebes at War”, das 1944 erschien, kam er allerdings von diesem Vorhaben ab und wandte sich zeitgenössischen Stoffen zu.) In den 1940ern nun befand sich Ägypten, obwohl seit 1922 offiziell unabhängig von England, praktisch immer noch in vielfältiger Abhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht (bis hin zur britischen Besetzung des Gebietes um den Suez-Kanal). Auf der anderen Seite begann man außerdem, im Zuge des seit dem 19. Jahrhundert allmählich wachsenden Nationalgefühls, die vorwiegend türkisch-sprachige Oberschicht Ägyptens als fremd zu empfinden, die noch aus Zeiten der Osmanenherrschaft stammte. Gegen welche von beiden Gruppen sich Mahfouz in seinem ausgesprochen patriotischen Roman wendet ist unklar. Sehr wahrscheinlich sind sogar beide gemeint. Unter dem Denkmantel des historischen Romans prangerte der Autor scharf den Absolutismus des Königshauses, die Kolonialmacht Britannien, die genannte türkisch-sprachige Oberschicht und vor allem die aus all diesem resultierenden sozialen Mißstände an. Und sicher stellt der Roman auch einen Versuch dar, durch die Rückbesinnung auf eine große historische Vergangenheit das Selbstbewußtsein der Ägypter in der Gegenwart zu stärken – das Buch ist ein leidenschaftlicher Aufruf an alle Ägypter, sich gegen jede Art der Fremdherrschaft und Ungerechtigkeit zusammenzuschließen. Nicht ohne Grund gewann “Thebes at War” damals dann auch besagtes Preisausschreiben und wurde von Sayyid Qutb, der später die ägyptische Muslimbruderschaft führte und zu diesem Zeitpunkt ein führender Literaturkritiker war, gelobt als ein historisches Werk, das “junge Leute die wahre Liebe zu ihrem Land” lehren könne.
Mahfouz nutzt die Vertreibung der Hyksos aus Ägypten durch Pharao Ahmose als Folie für seinen Roman. Ich sage bewußt: Folie, denn es ging dem Autor um Anderes als um die historisch exakten Abläufe oder ägyptologische Präzision – Ägyptenkenner werden mehr als eine Ungenauigkeit finden. Die Handlung ist denkbar einfach gehalten: Die Hyksos halten Ägypten besetzt und haben beschlossen, auch die letzten Ägypter unter Pharaoh Sequenenra zu vernichten. Dieser widersetzt sich natürlich heldenhaft, stirbt in der Schlacht gegen die Hyksos den Märtyertod (ausdrücklich so genannt), seine Familie zieht sich nach Nubien ins Exil zurück, wo man heimlich eine ägyptische Armee aufbaut, mit der dann Sequenras Enkel Ahmose nach Ägypten zurückkehrt und dieses, ohne Widerstand zu dulden, von den grausamen Fremden befreit. Am Ende fliehen die Hyksos geschlagen aus Ägypten.
Die Rollen sind dabei klar verteilt: die Ägypter – allesamt braunhäutig und dunkelhaarig (demzufolge schön), patriotisch und edel – wenden sich gegen die ausnahmslos weißhäutigen (und hässlichen), grausamen, verschlagenen und zu recht verhaßten Unterdrücker, die Hyksos. Die derart erfolgende, stereotype Trennung von “Gut” und “Böse” nach Völkern, die an zahlreichen Stellen aufscheint, kann man wohl durchaus als Form von “Rassismus” bezeichnen. Auch der “Opfermut”, mit dem Ahmose im Namen des patriotischen Freiheitskampfes immer wieder, ohne jedes Zögern, tausende seiner Soldaten in den Tod schickt, wird den Leser zu wiederholtem Kopfschütteln veranlassen. Die Massaker im Kampf erscheinen als patriotische Heldentat. Selbst als ägyptische Frauen und Kinder von den Hyksos als lebendige Schutzschilde gegen Ahmoses Armee benutzt werden und dieser dennoch den Angriff seiner Soldaten befiehlt (den Tod der Geiseln als “Opfer für ihr Vaterland” in Kauf nehmend), verliert er dabei nicht im Geringsten Nimbus als unanfechtbar edler Held. Dass sämtliche Ägypter bereitwillig und gerne für die Freiheit ihres Landes sterben (die als Schutzschild benutzten ägyptischen Frauen “nicken zustimmend”, als sie von den Pfeilen der eigenen Soldaten durchbohrt werden), beruhigt da wenig. Und die fast durchweg brutalen, stets goldgierigen Hyksos sind zwar im Rahmen Handlung hervorrangende Bösewichte, jedoch erscheint die drastische Schwarz-Weiß-Zeichnung einem an “gemischtere” Romangestalten gewöhnten Leser auf Dauer leicht ein wenig zu eindimensional.
Etwas vielschichtiger sind nur sehr wenige Personen. Vor allem zu nennen ist hier die Hykso-Prinzessin Amenirdis, in die sich Ahmose leidenschaftlich verliebt. (Sie ist, möglicherweise aus praktischen Gründen angesichts einer Liebesaffäre, auch der einzig wirklich “schöne” Hykso.) Natürlich darf diese Liebe nicht glücklich werden – Amenirdis geht mit ihrem Vater, dem geschlagenen Hykso-König Apophis, in die Wüste und Ahmose regiert an der Seite seiner ägyptischen Königin. Aber immerhin ist Amenirdis, obwohl stolz und aufbrausend und ihrerseits unbeirrbar für das eigene Volk einstehend, nicht durchweg negativ gezeichnet.
Insgesamt ist “Thebes at War” also ein nicht ganz einfach zu lesendes Buch, das man ab und an aus der Hand legen sollte, um über den genannten historischen Kontext nachzudenken, in dem es steht. Interessant ist es dennoch. Zum einen, weil es sich durchaus spannend liest, wenn man sich von dem “moralischen Stolpern” erholt hat, in das man sich hin und wieder gebracht fühlt. Zum andern ist es interessant, weil es sich natürlich – zumal für in der neueren ägyptischen Geschichte Bewanderte – hervorrangend auf den Zeithintergrund und die sozialkritischen Intentionen des Autors hin analysieren ließe. Außerdem aber, und dies ist vielleicht das Faszinierendste – zeigt sich im Roman etwas, das durchaus auch zu Ahmoses Zeiten schon so gewesen sein könnte, ohne deshalb heute an Aktualität eingebüßt zu haben: Es wird offenbar, wie unversöhnlich und explosiv die Feindschaft zwischen zwei Parteien werden kann, wenn sich Erfahrungen jahrzehntelanger Ungerechtigkeit und Unterdrückung und das berechtigte Streben nach Veränderung mit tief verwurzelten Vorurteilen, generationenlang gepflegten Vergeltungswünschen und religiösen Aspekten zu einem brennenden Patriotismus mischen. Dass man hier sozusagen durch die Augen einer der betroffenen Parteien blickt, ist beunruhigend, bewegend, verwirrend und zugleich aufschlußreich.
Anzumerken ist noch, dass es im Anchor-Verlag (N.Y.) eine sehr gute, englische Übersetzung von 2003 gibt, mit einem hervorragenden Vorwort des Übersetzers Humphrey Davies, in dem er ausführlicher auf den besagten Enstehungshintergrund eingeht. Und eine gute Kurzbiographie des Autors gibt es hier.
Hier etwas für jeden, der unbedingt wissen wollte (aber, aber – wer wird hier von “müssen” sprechen??
), an welcher Stelle in seinem Gesamtwerk Immanuel Kant nun was gesagt hat. Die Universität Bonn bietet in ihrem “Bonner Kant-Korpus” nicht nur sämtliche Kant-Texte in digitalisierter Form an. Der Korpus hat auch eine eigene Suchfunktion, mit der man bestimmte Begriffe aus den Kant-Texten (allen oder ausgewählten) herausfiltern kann.
Das kann zu recht interessanten philosophischen Erkenntnissen führen. So erfährt man zum Beispiel unter dem Suchbegriff “Mord”, dass Kant aus philosophischen Gründen die Todesstrafe als einzig angemessene Bestrafung für diesen ansah:
“Hat er aber gemordet, so muß er sterben. Es giebt hier kein Surrogat zur Befriedigung der Gerechtigkeit. Es ist keine Gleichartigkeit zwischen einem noch so kummervollen Leben und dem Tode, also auch keine Gleichheit des Verbrechens und der Wiedervergeltung, als durch den am Thäter gerichtlich vollzogenen, doch von aller Mißhandlung, welche die Menschheit in der leidenden Person zum Scheusal machen könnte, befreieten Tod.” (Kant: AA VI, Die Metaphysik der Sitten. … , Seite 333)
Um aber zu rechtfertigen, dass man bei Kindsmörderinnen vielleicht doch Gnade walten lassen könnte, fand er eine ausgesprochen feinsinnige Begründung:
“Das uneheliche auf die Welt gekommene Kind ist außer dem Gesetz (denn das heißt Ehe), mithin auch außer dem Schutz desselben geboren. Es ist in das gemeine Wesen gleichsam eingeschlichen (wie verbotene Waare), so daß dieses seine Existenz (weil es billig auf diese Art nicht hätte existiren sollen), mithin auch seine Vernichtung ignoriren kann (…).” (Kant: AA VI, Die Metaphysik der Sitten. …, Seite 336)
Das ist nun wahrlich eine faszinierende Argumentation: da das uneheliche (wohlgemerkt: nur das uneheliche) Kind sich in die Gesellschaft “eingeschlichen” hat wie eine Schmuggelware, steht es außerhalb des Gesetzes eben dieser Gesellschaft – weshalb auch seine “Vernichtung” nicht so streng geahndet werden muss wie bei einem vollwertigen Gesellschaftsmitglied…
Durchaus spannend also, was sich so alles findet, beim Stöbern durch Kants Werke. Und dank der Suchfunktion ist dieses Stöbern ungleich einfacher und schneller, als mit dem 23-bändigen Kant-Gesamtwerk auf dem Schoß. Ein Hoch auf die Universität Bonn für dieses fantastische Projekt!

