Tee

Ob ich morgen leben werde, weiß ich freilich nicht. Aber daß ich, wenn ich morgen lebe, Tee trinken werde, weiß ich gewiß. (Gotthold Ephraim Lessing, dt. Schriftsteller und Kritiker, 1729-1781)

Lesen

Gern lesen heißt, die einem im Leben zugeteilten Stunden der Langeweile gegen solche des Entzückens einzutauschen.
(Charles de Montesquieu, franz. Rechtsphilosoph und Schriftsteller, 1689-1755)

Seiten

Bücher

Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein.
(Friedrich II., der Große, preuß. König , 1712-1786)

Phantasie

Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung.
(Eugène Ionesco,1909 -1994 rumänisch-französischer Dramatiker)

Stöberblogs

Liebe

Das Glück ist die Liebe, die Lieb' ist das Glück, ich hab es gesagt und nehm's nicht zurück!
(Adelbert von Chamisso, dt.-franz. Dichter und Naturforscher, 1781-1831)


Anregungen zum Schmökern und Genießen, von Leseratte zu Leseratte.

Weshalb eine literarische Teestube? Die Frage ist recht einfach zu beantworten. Ich fand im Netz eine Unzahl von Tummelplätzen, wo sich leseversessene Kaffeetrinker austoben konnten. Doch weit und breit war kein heimeliges Plätzchen für büchernärrische Teeliebhaber zu sehen. Da kam mir der Gedanke, eine literarische Teestube zu eröffnen. Das Äquivalent zu all jenen Literaturcafés, nur eben für die Teetrinker unter den Leseratten

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Damit all die Historie nicht langweilig wird, zur Abwechslung wieder einmal etwas Literarisches: J.W. von Brawe (1738-1758): “Der Freigeist” – ein Drama, das hier bei Projekt Gutenberg zu finden ist – nur falls jemand so verrückt sein sollte, es tatsächlich lesen zu wollen ;) .

Die Handlung des Stückes ist an sich so spannend, dass man – mindestens – eine moderne Seifenoper daraus machen könnte. Held Clerdon war ehemals tugendhaft, christlich, von allen bewundert und geliebt. Als er dem (weniger tugendhaften, weniger christlichen) Henley nicht nur beruflich den Rang abläuft, sondern diesem auch noch die angebetete Frau, Amalia, vor der Nase wegschnappt, sinnt Henley auf Rache. Er beschließt – und diese psychologische Perfidie ist durchaus faszinierend – den guten Clerdon auf Abwege zu führen. Er will ihn gerade all jener Vorzüge berauben, die er aufgrund seiner christlichen Tugend hatte – um dann um so hämischer triumphieren zu können, wenn Clerdon erst, durch Lasterhaftigkeit, ins tiefste Elend gesunken ist. Dazu verführt er Clerdon zunächst zur “Freigeisterei” (d.h. – im damaligen Verständnis – zur Gotteslästerung, nämlich zur Infragestellung von Begriffen wie “Sünde”, “göttlicher Strafe” oder “Tugendlohn”). Und als direkte Folge dieser Freigeisterei ergibt sich, dass Clerdon auch anfällig für alle anderen Laster wird. Als das Drama einsetzt, hat Clerdon das Vermögen seines Vaters verspielt, diesen mit dem Schuldenberg sitzen lassen und ist mit dem Verführer Henley zusammen vor den Gläubigern nach Schottland geflüchtet. Doch ehe Henley hier sein Werk vollenden kann, tauchen Clerdons, von diesem im Zuge des Lotterlebens verlassene, Verlobte Amalia und deren Bruder Granville auf. Beide haben sich fest vorgenommen, Clerdon auf den christlichen, tugendhaften Weg zurückzubringen. Das natürlich kann Henley nicht zulassen. Um die “Rückkehr” Clerdons zur Tugend zu verhindern, macht er diesem weis, der edle Retter Granville sei in Wirklichkeit mit seiner Schwester angereist, um diese – als Rache am untreuen Clerdon – an Henley (den alten Konkurrenten um Amalias Hand) zu verheiraten. Und Clerdon fällt, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, auf diesen Trick herein. Er fordert, zornentbrannt, den verblüfften Granville (der schließlich wirklich nur die besten Absichten hatte!) zum Zweikampf. Und da Granville (natürlich, er ist ja edel) im Zweikampf seine Chancen, Clerdon zu töten, nicht nützt, sondern nur ausweicht, wird er schließlich selbst von diesem umgebracht. Was Henley, am Schluß, die Möglichkeit gibt, nun wirklich über Clerdon zu triumphieren. Als Clerdon erfährt (zuerst vom hinreißend lange und nobel sterbenden Granville und danach vom frohlockenden Henley), dass er verführt und verraten wurde, dadurch in Gotteslästerung und Laster fiel (sein Vater starb auch im Schuldturm) und obendrein einen unschuldigen Freund ermordet hat, ersticht er zuerst Henley und begeht danach Selbstmord. Und Bösewicht Henley freut sich, sterbend, noch immer seiner Rache – der letzte Satz des Dramas.

Für den heutigen Leser ist mit Sicherheit die sehr christliche Moral auffallend, die in langen Monlogen und vielen Nebensätzen immer und immer wieder durchscheint: Der Christ (immerhin: jeder Christ – also betontermaßen auch derjenige niederer Abkunft, wie Clerdons Diener Truworth) hat jederzeit die Gelegenheit, als leuchtendes Beispiel der Tugend zu handeln (wie Granville), während die “Freigeisterei”, der Abfall von dem Glauben an jenseitige Strafe für Sünden bzw. den jenseitigen Lohn für Tugend, zwangsläufig ins Verderben führt.

Abgesehen davon ist es aber eigentlich eine hochdramatische Handlung, oder? Vielleicht würde sie sich gut – in modernisierter Fassung und unter etwas anderen Gesichtspunkten – für eine Umarbeitung eignen…so gut wie manche Fernseh-Melodramen wäre das allemal! ;)



Diese Bücher (es ist eine mehrbändige – derzeit leider noch nicht abgeschlossene – Reihe) sind, ganz kurz gesagt, literaturwissenschaftliche Kommentare zur Bibel. Nun, Bibelkommentare per se gibt es eine Menge. Aber diese, soviel kann ich versprechen (und ich war in den Vorlesungen des Autors!): diese hier sind außergewöhnlich. Wie der Untertitel sagt: "Für die Gebildeten unter ihren Verächtern." Und ich denke, den Besten Eindruck davon bekommt man, wenn man einen kleinen Auszug liest. Hier ein Abschnitt aus dem Kapitel "Die Sintflut" (was das ist, wissen wir hoffentlich noch alle ;) ). Zu finden in Band 1, Seite 83:

"Die Wortbedeutung hat nichts mit Sünde zu tun; die germanische Wurzel sin- bedeutet: immer, überall, Sintflut also: Große Flut.

Als aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.

Der ungläubige Heide wundert sich da: Gott, der allmächtige, allwissende, hätte er das nicht vorausschauen können, ahnen können, daß es mit diesen Kerlchen, so wie er sie nun mal gemacht hatte, gebrechlich, gierig, lebenslustig, schweinisch, böse, nicht besser gehen würde? Und, wieso ist der Allgewaltige bekümmert? Lebt er in Stimmungen wie die, die er geschaffen hat? Ein weißgott menschlicher Gott, ein anthropomorphisierter [wörtlich: menschenförmiger] Gott, ein Gott, der nach dem Menschen geschaffen ist. Nicht Gott hat uns nach seinem Bilde geschaffen, umgekehrt wird's richtiger: wir schaffen uns unsern Gott nach unserem Bilde. Theologie ist in Wahrheit Anthropologie."

Ich denke, dieser kleine Auszug zeigt ein wenig, was ungefähr man von diesen "Bibel-Büchern" zu erwarten hat. Anspruchsvoll, kenntnisreich und sehr detailliert, dabei aber mit immer einem kleinen Augenzwinkern und ohne eine Spur von Voreingenommenheit, folgt Prof. Leibfried dem Text der Bibel, der kommentiert, hinterfragt und passagenweise zitiert wird. Es fließen die Worte berühmter Dichter ebenso ein wie moderne, wissenschaftliche Kenntnisse aus Gebieten wie Ethnologie oder Archäologie.

In der Vorbemerkung heißt es: "Prinzip der Darstellung ist: nicht über die Bibel zu reden, sondern sie selber sprechen zu lassen." Und das genau geschieht. Die Kommentierungen sind -obwohl in keinster Weise populärwissenschaftlich! – nicht so staubtrocken und zäh wie in den gängigen Fachbüchern, sondern humorvoll und gut zu lesen. Und die Bibel selbst kommt zu Wort – so ausführlich, daß auch jene, die selten die Nase in das Original stecken, wissen, worum es in den jeweils nachfolgenden Abschnitten geht. Denn es geht auch und vor allem um eines: was steht denn da eigentlich drin, im Text der Bibel selbst ?

Um mit Prof. Leibfried zu sprechen: "So darf man auch sagen: erwarten Sie ein bewährtes Muster: so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Und lassen sie sich unterhalten; ihr Gewicht wird sich ändern. Sie werden zunehmen – an Bildung."

Na, ist jetzt doch jemand neugierig geworden? Ich garantiere: reinschnuppern lohnt sich – auch (und gerade) für Agnostiker, Atheisten und andere Bibelmuffel.



Auf Safranskis “Schiller” stieß ich eher zufällig, als es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in ihrer “Schriftenreihe” als Band 467 für nur 5 Euro anbot. Leider ist es dort, wie ich sah, nicht mehr verfügbar (Derzeit? Vielleicht lohnt ja eine Nachfrage…) – aber auch 25 Euro im freien Handel sind, denke ich, ein vernünftiger Preis. Das Buch ist eine Biographie Schillers – und es ist noch mehr. Viel mehr. Interpretationen und Erklärungen zu seinen Werken – von Dramen bis zu theoretischen Schriften – sind, in chronlogischer Ordnung, wunderbar in den Text eingeflochten, die Wirkungsgeschichte der großen Bühnenstücke liest sich ebenso spannend, wie die persönliche Biographie des Autors. Dabei ermöglicht es der systematische Aufbau des Buches jedoch auch, gezielt nach einzelnen Werken oder Lebensstationen zu suchen. (Das gilt auch für diejenigen, die nicht genau wissen, wann in Schillers Leben was zu verorten ist – die Kapitelüberschriften sind detailliert genug!)

Was mir persönlich allerdings am meisten imponiert hat: Rüdiger Safranski versteht es, den philosophischen und weltanschaulichen Zeithintergrund verständlich und zugleich präzise zu erklären. Wer sich mit abstrakten Lexikonartikeln zu Fragen, wie “Was ist Idealismus?” oder “Was besagt Kants Erkenntnistheorie?”, bisher schwer getan hat, sollte es mit diesem Buch versuchen. Die Erläuterungen sind anspruchsvoll genug, um auch Seminar-Ansprüchen zu genügen ( ;) das Buch wurde sogar von einem meiner Professoren gelobt). Natürlich können die Erklärungen, im Rahmen einer einbändigen Biographie, nicht so erschöpfend sein wie in einem entsprechenden Fachbuch – das brauchen sie aber auch nicht. Was für das Verständnis Schillers wesentlich ist, das ist enthalten. Und zwar ausführlich genug, um ein detailliertes Gesamtbild entstehen zu lassen. Zugleich aber macht es einfach Vergnügen, in diesem Buch zu lesen. Und das ist eine wahrlich seltene Kombination.

Insgesamt ist Safranskis “Schiller” also ein heißer Tipp: für jene, die sich für Schiller interessieren, für arme Seelen, die ein Referat über ihn halten müssen – oder auch für alle, die eine anspruchsvolle, wirklich gut recherchierte Biographie lesen wollen. Einzige Einschränkung: ein bisschen mehr Aufmerksamkeit beim Lesen, als ein Ritterroman oder Ägyptenschmöker, erfordert es schon – also nicht gerade nachts um 12 in der Badewanne damit anfangen ;) .



Ein kleiner Ratschlag für all jene, die sich ein wenig für die Dramen des 18. Jahrhunderts interessieren. Relativ neu erschienen ist das "Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts", herausgegeben von Heide Hollmer und Albert Meier, im Verlag C.H.Beck. Es gibt – alphabetisch nach Autorennamen sortiert – eine kurze Inhaltsangabe (nebst winzigem Interpretationsansatz – für die Schule sollten dann aber doch noch einige Reclamerläuterungen gelesen weren ;) ). Auch (sehr kurz gehaltene) Tipps zu weiterführender Literatur werden gegeben. Und hinten ist, sehr erfreulich und nicht selbstverständlich, noch einmal ein übersichtliches Register zur schnellen Artikelsuche. Das Lexikon umfasst zwar nur die wichtigsten der in dem Zeitraum von 1700 bis 1800 erschienen Dramen, und es endet Punkt 1800, weshalb man die späten Schillerdramen dort vergeblich sucht. Aber als erster Überblick oder einfach nur zum Blättern und Schmökern ist es dafür ausgesprochen handlich.

Übrigens: eine sehr ausführliche, etwas wissenschaftlichere Rezension des Lexikons findet ihr hier



Johann Elias Schlegel (1719-149) wurde schon von seinem Zeitgenossen G.E. Lessing als derjenige bezeichnet "der doch bis itzt dem deutschen Theater die meiste Ehre gemacht habe" (16. Literaturbrief, 1759), und Friedrich Nicolai nannte Schlegels 1746 erschienes Trauerspiel "Canut" das "einzige gewissermaßen vollkommene Stück, das wir mit den Trauerspielen der Ausländer vergleichen können" ("Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften",1755). Das war damals ein nicht unbeträchtliches Kompliment, denn "die Trauerspiele der Ausländer", das waren die klassischen französischen Dramen, die als absolutes Vorbild galten, seit Gottsched 20 Jahre zuvor den Klamaukstücken der deutschen Wanderbühne dem Kampf angesagt hatte.

Ob der Canut nun "ein Werk des Übergangs von der rationalistischen Alexandriner-Dramaturgie zum emotionalistischen Charakterdrama" ist, oder ob sich Schlegel doch "weit eindeutiger als der rationalistische Reformer Gottsched am Barock-Klassizismus Pierre Corneilles orientiert" hat (Corneille war einer jener hochgeschätzten "Ausländer") – das ist unter Literaturwissenschaftlern noch immer nicht unumstritten und sei an dieser Stelle dahingestellt.

Worum geht es nun aber? Schlegel wählte – was damals inmitten all der griechischen und römischen Heroen, die die Bühnen bevölkerten, durchaus nicht alltäglich war – eine Gestalt aus der nationalen Geschichte Dänemarks (wo er gerade lebte): König Knut II (bei ihm: "Canut"). Knut II war seit 1018 König von Dänemark, ab 1017 auch, nach langen Kriegen, König von England und ab 1028 zudem König von Norwegen. Ein nicht unumstrittener, aber berühmter Herrscher, den Schlegel, wie er selbst zugibt, in seinem Drama stark idealisiert hat, um ihn von seinem verruchten Gegenspieler Ulfo abzuheben.

Der Canut des Dramas ist also der weise, gerechte, gütige, selbstbeherrschte König. Und der Bösewicht Ulfo?

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Auf dieses Drama – entstanden 1756 – bin ich während der Literaturrecherchen zu meiner Magisterarbeit gestoßen. Johann Gottlob Benjamin Pfeil (1732-1800) studierte in Leipzig Jurisprudenz und zählte später, als bereits etablierter Justizrat, zum Bekanntenkreis des jungen Goethe. Er besaß selbst (leider!) keinen besonderen literarischen Ehrgeiz. Neben der „Lucie Woodvil“ publizierte er nur noch einen Roman “Die Geschichte des Grafen von P.“ (1756). Außerdem schrieb er eine „Abhandlung vom bürgerlichen Trauerspiele“, die insofern bemerkenswert ist, weil sie als die erste zusammenhängende theoretische Äußerung über diese damals neue dramatische Gattung gelten kann.

"Lucie Woodvil" enstand in der Nachfolge des weit bekannteren Lessing-Stückes "Miss Sara Sampson", mit dem das bürgerliche Trauerspiel in Deutschland Einzug hielt. Oft wird Pfeil vorgeworfen, er habe bei Lessing abgeschrieben. Aber so ganz stimmt das nicht – auch wenn Ähnlichkeiten gewiss nicht "rein zufällig" sind. Jedenfalls hat Pfeil ein ganz eigenes Drama geschrieben, voller Liebe und Hass, Stolz und Rache, Mord und Selbstmord.

"Der Schauplatz ist auf dem Schlosse des Ritters Willhelm Southwell." so heißt es zu Anfang. Und dort verbleiben wir auch, da sich Pfeil an die klassischen aristotelischen Bauprinzipien eines Dramas hält, die da unter anderem die Einheit des Ortes fordern.

Im Mittelpunkt des Stückes steht die Titelheldin, Lucie. Sie ist als Mündel des besagten Ritters Willhelm aufgewachsen, der für seine Großzügigkeit, das von seinen Eltern ausgesetzte Mädchen in seinen Haushalt aufgenommen zu haben, allseits gepriesen wird. Zusammen mit Lucie aufgewachsen ist Karl, der Sohn Sir Willhelms – feurig, jung, von seiner unwiderstehlichen Männlichkeit überzeugt. Es geschieht, was geschehen musste: die beiden verlieben sich ineinander, und Karl gelingt es, Lucie ins Bett zu bekommen. Was heutzutage nicht allzu schreckliche Folgen haben müsste, war damals ein Skandal: Lucie, die als elternloses und damit auch besitzloses Mädchen nichts als ihren guten Ruf in eine mögliche Ehe einzubringen hat, wäre ruiniert, sollte die Sache bekannt werden. So ist ihr spätenstens, als sie von Karl schwanger wird, klar: entweder Karl legitimiert sie und ihr Kind noch, indem er sie heiratet, oder sie steht, im wahrsten Sinne des Wortes, vor dem Nichts. Zumal sie in diesem Falle das Wohlwollen ihres Gönners Sir Willhelm vermutlich verlieren würde. Karl aber hat leider inzwischen eine andere Frau im Kopf: Amalie, die Tochter von Sir Willhelms Freund Robert. Im Gegensatz zu der temperamentvollen, leidenschaftlichen und stolzen Lucie, ist Amalie "immer sich selber gleich" – tugendhaft, sittsam und vernünftig, stets in der Lage, ihre Gefühle der Notwendigkeit unterzuordnen. Sir Willhelm fördert die Verbindung Karls mit Amalie nach Kräften, und es sieht düster für Lucie aus. Als Karl ihr das Angebot unterbreitet, doch als seine Mätresse zu leben, sobald er mit Amalie verheiratet sei, packt die stolze Lucie der Zorn. Sie fährt Karl – zumindest verbal – an die Kehle, woraufhin dieser, ob dieses unweiblichen Zornausbruchs in seinem Stolz gekränkt, endgültig zu Amalie umschwenkt.

Doch er hat die Rechnung ohne Amalies selbstlose Tugendhaftigkeit gemacht: obwohl Amalie Karl nach eigenem Bekennen liebt, ist sie – da sie als Lucies Freundin deren Umstände kennt – bereit, auf Karl zu verzichten und drängt ihn, zu Lucie zurückzukehren. Zusammen mit Lucies Bemühungen, die ihren Zorn herunterschluckt, führt das tatsächlich dahin, dass alles gerettet scheint: Karl will bei seinem Vater um die Erlaubnis ersuchen, Lucie heiraten zu dürfen, ist sogar auf einmal Feuer und Flamme für diese Idee. Hinzu kommt, dass ein alter Verehrer Lucies, den sie nie erhört hat (weil sie zu diesem Zeitpunkt noch auf Karl hoffte), unglücklich vom Pferd stürzt und ihr, tugendhaft wie er ist, auf dem Sterbebett noch sein Vermögen hinterlässt. So ist sie auch noch finanziell eine hervorragende Partie für Karl geworden.

Nur, der alte Sir Willhelm weigert sich zur Überraschung aller Beteiligten, der Hochzeit zuzustimmen. Denn, was außer dem alten Willhelm nur sein Freund Sir Robert weiß: Lucie ist in Wirklichkeit Sir Wilhelms uneheliche Tochter – also Karls Schwester! Doch mochte der alte Ritter dies aus Stolz, um nicht den Fehltritt, ein uneheliches Kind zu haben, vor seinen Kindern eingestehen zu müssen – nie öffentlich zugeben. Auch als die beiden vor ihm stehen und heiraten wollen, bringt er es nicht über sich, ihnen die Wahrheit zu sagen – und das ist ihrer aller Verderben.

Denn nun sieht die stolze Lucie keinen Ausweg mehr. Als Sir Willhelm, ohne eine vernünftige Erklärung, ihren Karl nach Amerika verschiffen lassen will, um ihn von ihr zu trennen (nachdem die beiden vorher heimlich geheiratet hatten), beschließt sie, angestachelt von ihrer "lasterhaften" Zofe Betty, aus Verzweiflung, verletztem Stolz und Rachsucht, Sir Willhelm zu vergiften. Denn, so die Rechnung, ist der Alte erst tot, könnte Karl, als sein Erbe, sofort zurückkommen.

Doch als Lucie Sir Willhelm sterben sieht, überkommen sie doch Gewissensbisse. Denn, auch wenn sie es sich wünscht, sie ist nicht "vollständig böse" – sie kann ihr Gewissen nicht beruhigen. Und als Karl, der inzwischen von Sir Robert, dem Freund seines Vaters, die Wahrheit über seine Schwester erfahren hat, beunruhigt zurückkehrt, um sich Gewissheit zu verschaffen (er mag es – wer kann es ihm verdenken – nicht glauben, dass er seine eigene Schwester geschwängert und geheiratet hat), da fliegt alles auf: Lucie begreift, dass sie von ihrem eigenen Bruder schwanger ist und ihren leiblichen Vater gerade ermordet hat. Voll verzweifeltem Zorn ersticht sie zuerst ihre Zofe Betty, von der sie sich "zum Laster verführt" sieht, und begeht anschließend Selbstmord. Übrig bleibt Karl, der sich selbst treu bleibt und, nach anfänglicher Reue, Lucie verführt zu haben, alle Schuld von sich weist – und dem Wahnsinn verfällt.

Soweit zur Handlung. Vermutlich würde Ähnliches heutzutage als Seifenoper im Fernsehen laufen – und höchst erfolgreich sein.

Sicher, es gibt immer wieder einige Passagen, die ein wenig zu "tugendsam" sind – Pfeil war eben der Aufklärung und bürgerlichen Idealen verpflichtet, daher musste er die moralische Lehre für seine Zuschauer einflechte. Amalie und ihr Vater Sir Robert erscheinen manchmal ein wenig farblos und langweilig, wenn sie sich seitenlang über Tugend, Vernunft und "Bändigung der Hitze" (also der Leidenschaften) verbreiten. Aber da ist Lucie – wild, widersprüchlich, stolz, verliebt, zornig, verletzt und rachsüchtig, immer wieder hin- und hergerissen zwischen ihren Gefühlen. Da ist Karl, ein selbstsüchtiger, wankelmütiger, unreifer Casanova, der sich für ungemein männlich hält (was von seinem Diener Jakob in einigen unwahrscheinlich witzigen Passagen mit beißender Ironie kommentiert wird). Da ist Sir Willhelm – schuldzerfressen, weil er weiß, dass er mit seinem Schweigen falsch handelt, und der es doch aus Stolz nicht über sich bringt, seinen Kindern die rettende Warheit zu sagen. Diese drei sind ungemein lebendig und glaubhaft geschildert, besonders Lucie sprüht förmlich vor Leben, falls man das von einer Dramenfigur denn sagen kann. Der Widerstreit ihrer Gefühle ist nachvollziehbar, denn viele kennt man – aus anderen Situationen und mit weniger verheerendem Ausgang freilich – von sich selbst. Pfeil war, ob er es beabsichtigt hatte oder nicht, ein guter Beobachter.

Wer sich mit dem Stil des Stückes anfreunden kann (es stammt nun einmal aus dem 18. Jahrhundert ;) ), der mag es versuchen. Es ist nicht allzu lang (verglichen mit Goethes Faust) und liest sich – von den tugendsamen Ergüssen Amalies einmal abgesehen – unwahrscheinlich spannend. Ich jedenfalls war begeistert. Und es ist eine nette Abwechslung zu den Klassikern, die man gewöhnlich in der Schule vorgesetzt bekommt. Warum nur haben wir das nie im Deutschunterricht gelesen??



Literatur ist, folgt man Gero von Wilperts "Sachwörterbuch der Literatur" , der "gesamte Bestand an schriftlich Aufgezeichnetem und Schriftwerken jeder Art einschließlich wissenschaftlichen Arbeiten über alle Gebiete, vom Brief bis zum Wörterbuch und von der juristischen, philosophischen, geschichtlichen oder religiösen Abhandlung bis zur politischen Zeitungsnotiz."

Donnerwetter!

Immerhin, hiermit scheint die Bezeichnung "literarisch" für meine Teestube gerechtfertigt, blickt man auf das zu erwartende bunte Bücherallerlei.

Allerdings, so lesen wir bei Wilpert weiter, "faßt Literatur seit der Verselbstständigung der Einzelwissenschaften im engeren Sinne als Gegenstand der Literaturwissenschaft mehr die sogenannte schöne Literatur, die Belletristik", die "in der Dichtung ihre höchste Form erreicht".

Soweit zur offiziellen Begriffsdefinition. Wenn man nun allerdings ein wenig herumfragt unter denjenigen, die nicht gerade ein Literaturlexikon zur Hand haben (was, ohne irgendjemanden kränken zu wollen, auf die Mehrheit derer zutreffen dürfte, die zufällig diese Seite lesen ;) ), dann wird man vermutlich eine andere Antwort erhalten.

"Goethe", "Schiller" oder vielleicht auch "Günter Grass" würden da wohl als Beispiele fallen, weil eben doch die meisten von uns an ihre eigene Schulzeit denken dürften, und an das, was da im Deutschunterricht als "lesenswert" präsentiert wurde.

Und für genau diese – mittlerweile oft zu unrecht geächtete – Unterart der Literatur soll hier meine Kategorie "Literatur" stehen. Für all die Werke, die man eigentlich nur noch im Deutschunterricht oder im Literaturwissenschaftsstudium an der Universität liest, von denen aber viele ganz unwahrscheinlich spannend sind. (Nicht alle, zugegeben, aber das trifft ja auch auf die Romanabteilung von Buchhandlungen zu, oder?)

Ich erhebe hier nicht den Anspruch auf literaturwissenschaftliche Richtigkeit oder Vollständigkeit im Rahmen eines Lektürekanons. Ich möchte einfach nach und nach Kurzrezensionen einiger Texte schreiben, die mir im Laufe meines Studiums begegnet sind, und die ich, ganz persönlich, einfach unheimlich gerne gelesen habe. Als Anregung, für all jene, die wie ich ungern Katzen im Sack kaufen, und die bei Reclamheften immer die Inhaltsangabe auf der Rückseite vermissen, die einem erzählen würde, worum zum Henker es in diesem verflixten, unattraktiv gelben Heftchen denn gehen soll.